Altes Testament

Martina Weingärtner: Die Impertinenz Jakobs

Martina Weingärtner: Die Impertinenz Jakobs. Eine relecture der Jakob-Esau-Erzählung vor einer text- und metapherntheoretischen Hermeneutik Paul Ricoeurs, WMANT 165, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2021, kt., 346 S., € 90,–, ISBN 978-3-525-56058-7


Martina Weingärtner studierte evangelische Theologie in Erlangen, Heidelberg und Berlin, promovierte an der Universität Koblenz-Landau und ist Stipendiatin am Collége de France. Bei dem zu besprechenden Buch handelt es sich um eine überarbeitete Druckfassung ihrer Dissertation, die von Prof. Michaela Bauks und Prof. Andreas Wagner betreut wurde. Im Zentrum der Untersuchung der Jakob-Esau-Erzählung steht die Linsengericht-Episode in Gen 25,29–34. In einer konsequenten Anwendung von Paul Ricoeurs Hermeneutik erarbeitet Weingärtner einen Mehrwert dieses Abschnitts gegenüber geläufigen historisch-kritischen Auslegungen zum Text, ohne dabei besagten methodischen Zugang grundsätzlich zu verlassen. Sie sieht in ihrer Interpretation von einer Konzentration auf die sonst übliche negative Bewertung von Esau ab und liest den Abschnitt als eine Schuldgeschichte Jakobs. Impertinenz, sagt das Wörterbuch, sei ein in herausfordernder Weise freches oder unverschämtes Verhalten. Genau das trifft nach Weingärtner auf Jakob zu, als er seinen Bruder Esau um das Erstgeburtsrecht bringt: „Nötigung und Übervorteilung – darunter kann Jakobs kaufmännisches Handeln zusammengefasst werden“ (186). Impertinenz, das hat mit Ricoeur aber noch eine tiefere Dimension: „Die Impertinenz – sprich die Zusammenstellung nicht zusammengehöriger Bereiche – drückt sich derart aus, dass die Linsenepisode eine ökonomisch, vertragsrechtliche Textwelt zeichnet, in der zwei institutionell verortete Handelspartner interagieren und dies einer heilstheologischen Textwelt beigeordnet ist, in der familiär eng verbundene Individuen in einem Beziehungsgefüge stehen“ (309).

Weingärtner führt einleitend zum Textverständnis Ricoeurs hin: Hierzu gehöre zum einen die Überzeugung, dass beim Weg von der mündlichen Überlieferung zur Verschriftung der Ereignisse die ursprüngliche Situation hinter einer interpretatorischen Verarbeitung zurücktritt. Zudem handle es sich um einen biblischen Text, sodass „die versprachlichten Erfahrungen als Ereignisse einer Glaubensgeschichte apperzipiert sind“ (33). Der Prozess der Interpretation müsse sich nun in einer doppelten Bewegung vollziehen: einer Distanzierung vom Text und einer „Wieder-Holung“ desselben. Der Aufbau der Arbeit zeichnet dies in seinen zwei Hauptteilen – „Vom Erklären“ (Teil I) „… zum Verstehen“ (Teil II) – nach. Beide Teile beginnen mit einem Blick auf Ricoeur und wenden sich sodann zentralen Texten der Jakob-Esau-Erzählung zu, allen voran der „Linsenepisode“.

In Teil I behandelt Weingärtner zunächst Ricoeurs Auseinandersetzung mit der strukturalen Analyse und der Heuristik als Analyseinstrumentarium (in Anlehnung an Barthes). Der anschließende Blick auf den Bibeltext ist bestimmt von der durch die historisch-kritischen Präsuppositionen erschwerte Frage, wie denn ein biblischer Text mit „inhärenter Geschlossenheit“ überhaupt zu ermitteln sei. Weingärtner untersucht hierzu klassische Darstellungen zur elohistischen und jahwistischen Theologie als Schlüssel zum Textverständnis, und als Korrektiv hierzu sog. priesterschriftliche Texte, die Jakob als „rehabilitierten trickster“ zur Darstellung brächten. In einem Fazit (126f) hält Weingärtner fest, dass die Textgenese „als Reaktion und Interaktion mit dem vorliegenden Material“ zu sehen und „die Geltung eines Textes nicht im abgeschlossenen Vakuum, sondern in der Zirkulation der sprachlichen Manifestationen“ zu erfassen sei. Abschließend erfolgen nun eine Textanalyse und eine semantische Analyse, beides strukturalistisch orientiert: eine Analyse auf Satzebene und auf Werkebene, sowie eine Analyse innerbiblischer Bezüge (Vergleichstexte: die Erzählung vom erschlichenen Erstgeburtssegen Gen 27 sowie die Liebesäpfel-Episode Gen 30), die semantische Analyse unter Einbezug metaphorischer Dimensionen (Erstgeburtsrechts, Verkaufs, Schwurs).

Insgesamt ergibt sich hieraus folgende Deutung des Geschehens in Gen 25: Die Ordnungen der Wirklichkeit werden gebrochen, indem der Ältere dem Jüngeren dienen muss. Das ist zwar von Gott bei der Geburt der Zwillinge so angesagt (V. 23), kommt jedoch nicht auf positivem Wege zur Erfüllung: „Die Sozialität ist gestört, mehr noch – die familiäre Beziehung erfährt einen Bruch (…) Der präskriptive Diskurs, der hier in seiner Negation formuliert wird, zeigt dieses Ereignis als verkehrt an. Der Austausch, der hier als kaufmännischer Handel dechiffriert wurde, wird in Gen 25 zum Transformationssymbol von der positiven Situation der autonomen Beziehungen hin zur gebrochenen und verkehrten Situation einer heteronomen Erfahrung“ (174; deutlich ist Ricoeur’sches Vokabular zu hören). Die Episode dürfe daher nicht allein vom Urteil über Esau interpretiert werden („So verachtete Esau seine Erstgeburt“; V. 34).

Der zweite Hauptteil der Arbeit befasst sich zunächst mit der Metaphernforschung in alttestamentlicher Wissenschaft und sodann insbesondere mit der Metapherntheorie von Ricoeur, den dieser u. a. in Auseinandersetzung mit Max Blacks und mit Jülichers Gleichnistheorie entwickelte. Weingärtner arbeitet folgende entscheidende Kriterien der Metapher nach Ricoeur heraus: (1) die semantische Polysemie, die neben den pertinenten auch nichtpertinente Interaktionen herausstellt, (2) ihre heuristische Funktion als Neubeschreibung der Wirklichkeit, indem die mimetische Nachbildung von Wirklichkeit eine ontologisch Funktion evoziert und damit „jede schlummernde Daseinspotentialität als entfaltet, jede latente Handlungsfähigkeit als wirklich geworden“ darstellt (ein Ricoeur-Zitat, 227), und (3) die metaphorischen Narration, die ihre „mimetische Funktion auf metaphorischem Weg“ entfaltet. Dies führt dazu, dass Gen 25 nicht streng in seinem vorliegenden Wortlaut, sondern nunmehr als „neu formulierter Text“ (248) verstanden werden müsse. Weingärtner gibt eine „zweite Übersetzung“, der diesen als eine Etablierung einer ökonomischen Ordnung liest (249).

Die Interpretation kann nun aber nicht bei der Feststellung einer gestörten Ordnung – also der Schuld – stehen bleiben, sondern hierzu gehört nun im Sinne Ricoeurs auch die Frage der Versöhnung und Vergebung (vgl. „Gedächtnis, Geschichte, Vergessen“; deutsch 2004). Dieses Thema sei dem Erzählabschnitt als einer Schulderzählung dadurch inhärent, als jeder Konflikt erzählerisch gelöst werden wolle (vgl. 251) – und in Gen 32f kommt es zur Wiederherstellung der Pertinenz.: „Die Disproportionalität zwischen der Tiefe der Schuld und der Höhe der Vergebung ist so überwunden. Jakob hat nicht etwas gegeben, keine Kompensation, keine Ersatzleistung, sondern nicht weniger als sich selbst. Er selbst stellt sich voran und wirft sich nieder zu Boden (Gen 33,3). Er selbst bezeugt die Erfahrung der Gabe als einen göttlichen Akt der Gnade in hymnischer Form (Gen 22,5b)“ (301).

Das Werk von Martina Weingärtner ist durchzogen von philosophischer, linguistischer und hermeneutischer Fachbegrifflichkeit, Argumentationsgang sowie sprachphilosophische und textbegriffliche Fragestellungen sind dicht und komplex – keine leichte Lektüre, selbst für den kundigen Leser. Ein großer Vorzug der Arbeit ist, dass hier ein konkreter außerdisziplinärer Ansatz, nämlich der von Ricoeur (fast 40 Titel im Literaturverzeichnis) und seinem hermeneutischen Vorgehen, konsequent und flächendeckend in Erprobung seiner Tragweite und Auslotung seiner Grenzen, sowie in seinem semantischen Ertrag als Bereicherung der Interpretationsweite und -tiefe, an einem konkreten biblischen Textbereich ausgelotet wird, und nicht – wie so häufig – eklektisch und wenig reflektiert Einzelgedanken aus Linguistik, Sprachphilosophie, Hermeneutik und anderen angrenzenden Disziplinen Aufnahme finden. Die Ausführungen Weingärtners zeigen – jenseits der Frage, inwieweit man mit ihren Ausführungen einverstanden ist – vor allem – und darin sehe ich einen besonderen Gewinn und einen wesentlichen Gesprächsbeitrag für neuere exegetische Überlegungen – dass der Textbegriff der traditionellen historisch-kritischen Zugangsweise zu biblischen Erzählungen einerseits zu kurz greift, und dass eine Textbetrachtung sich keineswegs in einer Konzentration auf textgenetische Fragen, wie sie lange Zeit in der Exegese dominierten, erschöpfen muss.


Dr. Andreas Käser, Dozent an der Theologischen Akademie Stuttgart